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Gedankenspiele #15 – Wie umgehen mit allmächtigen Aufträgen in Ohnmachtsräumen?

Seit Juni habe ich einen neuen Job im Bereich der Schulentwicklung. In der neuen Stelle soll ich dazu
beitragen, dass Schulen gewaltfrei, partizipativ und demokratisch werden. Mein Auftrag ist also, wie ich es empfinde, ein sehr allmächtiger. Denn Schulen sind eher gewaltvolle und undemokratische Räume.
Lehrkräfte sind weitestgehend alleinige Entscheidungsträger*innen in ihren Klassenräumen und wie sehr sich die Schule mit Gewaltprävention oder Diskriminierungskritik auseinandersetzt ist in hohem Maße von
der Gewilltheit des*der Schulleiter*in abhängig. Jede Schule „tickt“ ein bisschen anders. Je nach Leitungsperson.
Ein*e Schulleiter*in kann somit auch alleine sehr viel erreichen, wenn er*sie die Schule verändern will.
Er*sie ist in diesem Sinne sehr allmächtig. Kann Veränderungen auch ohne viel Dialog und Klärung durchsetzen. Oder kann Veränderung vom Tisch wischen, wenn er*sie es nicht für nötig hält.
So führen Lehrkräfte dieses System im eigenen Klassenzimmer oft fort.
Meine Lehrkraft, damals in der Grundschule, gestaltete als einzige einen bunten, lebendigen Klassenraum. Mit Gruppentischen, Freiarbeitsregalen, einer Ecke zum Ausruhen namens „Palm Beach“ und vielen Projektarbeiten. Wir gestalteten z.B. ein Waldbuch und ein Demokratiebuch und wurden dafür zum Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz eingeladen. Sie führte - sicherlich mit viel Gegenwind - ein
gemeinschaftliches Lernen ein, das uns erlaubte, in unserem eigenen Tempo voran zu kommen. Während die meisten anderen Klassen noch in Zweierreihen hintereinander Frontalunterricht bekamen.

 

Meine Schwester, hingegen, erlebte in der gleichen Schule Entwürdigungen durch ihre Lehrkraft. Gut, es war auch ein paar Jahre früher, aber nicht Jahrzehnte früher. So etwas ist möglich. Zwei verschiedene „Universen“, die gleichzeitig an einer Schule nebeneinander her bestehen.
Und das kann in die Ohnmacht führen. Besonders bei Schüler*innen, wenn sie ihren Lehrkräften ausgeliefert sind. Doch auch unter den Lehrkräften führt dies zu Ohnmacht und Erschöpfung. Das Erleben ist oft nicht das eines der alleinigen Macht, sondern der einsamen Ohnmacht. Das, eines*einer einsamen Einzelkämpfer*in. Die Allmacht ist ja nun mal auch der Ohnmacht näher als der Macht, die Wirksamkeit
und Freude mit sich bringt.
Auch mein Auftrag ist ja wie gesagt eher der Allmacht nahe und birgt zwei Seiten der Medaille.
Zum einen glaube ich an die Vision einer anderen Form von Schule! Ich will daran mitwirken, dass alle Beteiligten gerne in die Schule gehen. Dass jede*r so gefördert wird und wachsen kann, wie es für diese Person richtig ist. Diese Vision und der Wunsch, dass es irgendwann so sein wird, bringt mich in Bewegung, ist mein Antrieb.
Die Nähe zur Ohnmacht wird dann deutlich, wenn ich an Klassentüren lese: „Wir diskutieren nicht.“ Wenn Regeln wie „Wir hören, was der Lehrer sagt“ ernsthaft aufgeschrieben werden sollen. Wenn Schüler*innen lieber „sitzen bleiben“, als bei einem rassistischen Lehrer bleiben zu müssen und es auch kaum einen Hebel gibt, diesen Lehrer zur Rechenschaft zu ziehen, wenn die Schulleitung nicht mitmacht.

 


Wie also Machträume gestalten?
Ich bin dabei Netzwerke zu schaffen. Lernte in den letzten sechs Monaten viele engagierte Akteur*innen kennen, die sich ebenso für Kinderschutz, Kinderrechte und Beteiligung einsetzen. Wir bilden Banden und erschaffen Beteiligungsräume im Bezirk.
Ich biete Räume an, in denen Lehrkräfte die eigenen Rollen reflektieren können, in denen über Werte diskutiert wird oder sich die eigenen Bedürfnisse und die der Kinder genau angeschaut werden können.
Und hier muss ich lernen, mich über eine Handvoll Personen zu freuen, die sich darauf einlassen und gestärkt rausgehen. Statt mich durch den hohen Anteil von Widerständen im Raum in die Ohnmacht katapultieren zu lassen.
Wenn Anfragen kommen, in denen wir, überspitzt gesagt, bitte die Schüler*innen wieder „reparieren“ sollen, weil sie nicht „funktionieren“, werden wir nur tätig, wenn wir zunächst Gespräche mit Schüler*innen und Lehrkraft gemeinsam geführt haben.

 


Einen Workshop zum Thema Würde an Schule habe ich konzipiert und werde 2023 schauen, wo und auf welcher Ebene ich diesen einbringen kann.
Es gilt wohl, kleine, machtvolle Einflussräume zu schaffen, um Schritt für Schritt diese Räume zu erweitern.
Und so schließt sich der Kreis dieses Jahres für mich. Denn ich hatte 2022 eingeleitet mit meinen „Gedankenspielen“ zum Jahreswechsel 2021/22 mit den Worten von Beppo Straßenkehrer. Und möchte das Jahr nun auch mit diesen selben Worten ausklingen lassen. Auf dass sie mich auch im kommenden Jahr begleiten und mir Kraft geben:
„Siehst du, Momo, es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. (…) Und dann fängt man an sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. (…) Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. (…) Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache
gut. Und so soll es sein.“ (Michael Ende, 1973: „Momo“, S.37)
„Schritt – einem Atemzug – einem Besenstrich – Schritt – Atemzug – Besenstrich …“ (S.36)