Es ist so lange her, dass ich Gedankenspiele geschrieben habe.
Es hatten sich eigentlich immer Texte in mir befunden. Sie haben sich in mir entwickelt und dann mussten sie einfach raus. Mein letztes Jahr oder gar zwei waren irgendwie nicht einfach und es formten sich keine ganzen Texte mehr. Höchstens Textfetzen, die sich dann wieder auflösten. Ich habe mehr gemalt. Kleine Dinge in meinem Notizbuch. Malen tut mir gut und war eine andere Form für mich, etwas zum Ausdruck zu bringen, was in mir versteckt liegt. Aber bei weitem nichts, was ich veröffentlichen würde 😉
2025 war für mich ein Jahr der Enge und der Angst. Zumindest die erste Hälfte.
2024 befasste ich mich mit der Hoffnung, für unser ATCC-Jahrestreffen. Es war ein verbissenes „hoffnungsvoll bleiben“, weil die Angst die Hoffnung zu verlieren viel zu groß war. In einem ersten Workshop führte das von einem gut gemeinten Anfang über die Sehnsucht, am Ende hin zu einem Zweckoptimismus, der sich sehr falsch anfühlte für alle Anwesenden. Das hat viel in mir gearbeitet. Und 2025 spürte ich dann immer mehr, dass die Hoffnung eben doch schwindet. Dass mich Gaza und der öffentliche Umgang damit völlig in seinen Fängen hat und ich eine Enge und Starre spürte, die nicht mehr zu leugnen war. An einem Tag lag ich sogar ausschließlich im Bett und starrte meine Wand an, unfähig aufzustehen oder mir was Gutes zu tun. Mein Instagram-Feed war voller Trümmer, Angriffe und Hungernden. Im Sekundentakt in meinen Kopf gepresst. Ab und an gespickt mit ein paar lustigen Videos, was mich nur immer mehr darin bestätigte, dass die Welt völlig verrückt geworden ist und nicht auszuhalten.
Es half auch nicht, Wahlhelferin zu sein und einen riesigen, dicken AfD-Umschlag packen zu müssen. Jedes gezählte Kreuz für Blau ein gefühlter Schlag in den Magen, während sich Kälte an meinem Rücken und meinem gesamten Körper ausbreitete.
Meine Idee, mich ein wenig gegen diese Starre zu wehren, war es, mir ein Patronus-Kostüm für Karneval zu basteln. Für alle, die Harry Potter nicht kennen: ein Patronus ist ein sehr schwerer und mächtiger Zauber. Eine Licht-Tiergestalt, die man gegen sogenannte Dementoren einsetzt. Diese sind Gestalten, die alles Glück aus einem heraussaugen. Der Zauber ist sehr schwer und nicht jeder kann ihn umsetzen. Man muss dazu an eine schönste Erinnerung denken und sie wirklich spüren. Nur dann kann man das schützende Tier heraufbeschwören.
Ich dachte, wir alle brauchen in dieser Zeit mehr Patroni. Uns so wollte ich als Patronus in einem Lichtumhang in Köln sein und mit Menschen über ihre schönsten Erinnerungen sprechen. Einen Tag bevor ich losfahren wollte bekam ich Fieber und blieb krank im Bett. Das hat mir den Rest gegeben und ich war unendlich traurig, dass ich meinen Versuch, aus der Starre zu kommen nicht umsetzen konnte.
Der nächste Versuch, meine Hoffnung zurück zu erlangen und in Bewegung zu kommen war dann, dass ich Sticker gestaltet und gedruckt habe. Einen mit einem Foto von einem leuchtenden Hirsch mit der Frage „Welche Erinnerung bringt deinen Patronus hervor?“, und zwei mit Zitaten zum Thema Hoffnung. „Hope is the boldest act of imagination I know“ und „Hope is an action“.
Diese Sticker klebte ich überall hin, wo ich war. In alle Cafés und Kneipen, auf Straßenlaternen, sogar ans Deutsch Eck in Koblenz. So kam ich wieder in Bewegung und, auch wenn es nur Sticker sind, fühlte es sich nach ein wenig Aktion an. Was wirklich gut tat!
Irgendwann gab es ein Patti Smith-Konzert in der Zitadelle Spandau und ich bekam zwei Karten dafür geschenkt. Was für eine wahnsinnig tolle Frau! Ich war verzaubert, sofort nachdem sie auf die Bühne trat. Doch bei dem Song „People have the power“ wurde ich traurig. Denn ich spürte, dass mein Glaube an diese Haltung verloren gegangen war. Ein Glaube, den ich seit meiner Kindheit hatte, durch meine Erfahrungen in der Friedensbewegung gegen die Atomraketen auf dem Hunsrück und jener in Palästina und Istanbul bei den Gezi-Protesten. Ich war immer ganz tief und fest davon überzeugt, dass wir Menschen die Macht haben, unsere Welt umzuwälzen und uns gegen verrückt gewordene Regime zu wehren. Aber es fühlte sich schal an, dieses Lied. Ich glaubte nicht mehr daran. Und das macht mich noch immer traurig.
Derzeit bin ich in einer Fortbildung zu den „Essentials der Kreativen Leibtherapie“.
Dort haben wir uns zuletzt mit Richtungsleibbewegungen befasst. Wir spürten in unser „vorne“, „hinten“, „oben“, „unten“, „rechts“ und „links“. Ich spürte wie gut ich mit dem Boden verankert bin, wie er mich trägt. Das konnte ich früher nie so richtig spüren. Erdung fühlte sich immer schwer und schrecklich an und ich war lieber in der Luft, beim Springen und Hüpfen. Bei einem Schritt nach vorne war ich freudig überrascht, dass auch dort noch ein Boden ist, der mich trägt. Hinter mir lag eine Schlangenhaut, die ich zurückgelassen habe. Ein Ort, an den ich nicht wieder treten mag. Ich ging sogar vorsichtshalber noch einen weiteren Schritt nach vorne statt einen zurück. Aber ich spürte auch ganz viel Wärme am Rücken bei Gedanken an all die wunderbaren Freundschaften, die in meinem Rücken liegen und der Wunsch, diese Freundschaften in mein Vorne zu holen kam auf. Das Oben fühlte sich nach Wachsen an und es erfüllte mich mit Stolz und Freude. Nur als wir aufgefordert wurden die Arme in die Luft zu heben und zu spüren, was dort liegt, kam Angst. Ich war nicht in der Lage meine Arme zu heben. Ich machte stattdessen eine kleine Geste mit den Handflächen nach oben. Aber auch dort waren meine Finger in aufgeregter, nervöser Bewegung. Es beschäftigte mich beide Tage, was denn wohl so beängstigend ist in der Luft. Der Ort an dem ich mich sonst immer am wohlsten gefühlt habe.
Wie ungewohnt es war, dass die Erde sich gut anfühlt und ich nicht in die Luft will.
Bei einer Einzelarbeit mit einer Kollegin schauten wir uns erstmal all die anderen Richtungen an. Und ich merkte, dass in jeder eine Freude steckt und wie viele verschiedenen Qualitäten Freude haben kann. Ein schönes Gefühl.
Oben kam dann die Trauer. Die Trauer um den Verlust dieses Glaubens an die großen Umstürze, die riesigen Veränderungen, der mir immer so eigen war.
Dieses Jahr haben wir im ATCC-Verbund das Jahresthema „Übergange“. Und das beschäftigt mich sehr. Ich finde es sehr hilfreich in vielen Bereichen meines Alltags im Moment. Die kleinen Schritte zu gehen, hin zu einem anderen Zustand. Diese Schritte zu spüren, trotz möglicher Aufregung und kalter Füße. Und meinen Weg nach jedem Schritt zu justieren, statt vor lauter Aufregung einen riesen Sprung irgendwohin zu machen und die Chance zu verpassen, rauszufinden, ob ich dort überhaupt sein will.
Und auch bei diesem Thema mit dem Verlust der Luft und des Glaubens an die großen Umstürze befinde ich mich in einem Übergang.
In den letzten drei Jahren habe ich mehrere Veranstaltungen gestaltet. Zwei zum Thema Würde in der Bildung und eine zum Thema Solidarität und Empowerment. Diese Veranstaltungen sind mit viel Arbeit, Extrarunden und Schleifen, Diskussionen, Vertrauenstestungen, Missgeschicken, Ausfällen und hektischem Ersatz-Finden entstanden.
Diese Erfahrungen haben mich geerdet und wachsen lassen. Aus einem kleinen Samen, den ich mit dem Thema Würde gesät habe, sind drei wundervolle Dinge entstanden und ein Kernteam, dass sich aufeinander verlassen kann und sprudelt vor Ideen und Motivation weiterzumachen. Es wird eine Veranstaltungsreihe geben in diesem Jahr. Kleine Stärkungsinseln für Fachkräfte in Schule und Jugendhilfe. Mit oder ohne Geld. Aus dem Samen ist ein recht kräftiger Baum geworden, der von den Geldgebenden im Bezirk als gesetzt angesehen wurde. Ob das mit dem Geld nun klappt oder nicht, es wird irgendwas geben und viele Menschen zählen schon darauf.
Es scheint ein Übergang geschehen zu sein. Von meinen kindlichen Erfahrungen, in denen Dinge einfach so passieren, nur weil „Menschen die Macht haben“, hin zu eigenen Erfahrungen etwas zu gestalten und aus dem Nichts aufzubauen. Räume der Begegnung und der Beziehung zu öffnen, die so vorher nicht da waren und die Menschen Kraft und Freude geben. Mit all den Hürden und kleinen Schritten, die das eben braucht.
Und zum Ende des Fortbildungswochenendes konnte ich im Tanz doch noch in die Luft greifen. Zu einem wunderschönen Lied fühlte es sich an, wie ein wohltuendes Dehnen. Ein geerdet sein und ein Dehnen und Strecken zu den Visionen von einer veränderten Welt. Ohne den Anspruch, dass diese sofort da sein müssen. Mit dem Wissen, dass wir uns ihnen gemeinsam mit anderen in kleinen Schritten nähern und so in Bewegung bleiben können.
Hier ist noch ein Link zu dem Lied, das meine Dehnübungen möglich machte: https://link.deezer.com/s/32l1q09rOOPOQo4SiQut5